Die Pilgerreise nach Amarkantak...

 

Unser Bus prescht holpernd und wankend durch den Bundesstaat Madhya Pradesh. Genauer kann ich es leider nicht lokalisieren, denn ich bin vor 2 Tagen erst aus Europa in Indien angekommen. Besser gesagt ich bin eigentlich noch nicht ganz angekommen, und während ich noch damit beschäftigt bin alle meine Anteile energetisch zusammen zu sammeln, werde ich schon weiter durcheinandergewürfelt. Und zwar gründlich. Ich habe dieses Gefährt zugegebenermaßen etwas blauäugig bestiegen um meine Ashramfamilie zu begleiten und nicht alleine zurück zu bleiben. Die in mir aufsteigenden Ahnungen, daß es eventuell "holprig“ werden könnte, habe ich ignoriert. Nun muß es durchgestanden werden. 7 Tage lang, mit allen Höhen und Tiefen.

 

Das Ziel der Reise ist Amarkantak, die Quelle des heiligen Flußes Narmada, an diessen Ufer unser Ashram liegt. Es heißt, daß alleine der Anblick von Narmada von allem Übel befreit und den höchsten Segen schenkt. Zum Ursprung dieser verehrten Kraft vorzudringen ist dementsprechend bedeutungsvoll.

 

Es ist ein weiterer Tag vieler vieler Stunden in dem Gefährt in dem wir begonnen haben uns zu Hause zu fühlen. Zum Zeitvertreib wird natürlich gesungen. Das ist eigentlich eine starke Untertreibung. Es handelt sich eher um ein fahrendes Musikfestival, wo sich fantastische Sänger und Musiker abwechseln. Mikrophone sind dabei und eine große Lautsprecherbox (sonst wäre es nicht Indien), die im Mittelgang platziert wird. Harmonium und Dholak (Trommel) sind sowieso eine Selbstverständlichkeit.

 

Wenn wir unsere Tagesfahrten in der Früh beginnen, dann wird zuerst einmal das Mahamrtyunjaya Mantra, das wichtigste Schutzmantra, 108x wiederholt. Das werden wir auch brauchen, denn wenn es erst mal finster ist und unser sowohl langer, hoher als auch breiter Bus durch die schmalen, kurvigen Strassen prescht, dann geht es sich manchmal nur haarscharf aus, daß der Gegenverkehr (gelegentliche Laster, die hupend und nicht weniger rasant unterwegs sind) nicht mit uns kollidieren. Doch davon läßt sich niemand irritieren. Im Gegenteil! Nicht nur der Bus, sondern auch die Partygesellschaft ist davon ungebremst - in voller Fahrt!

 

In der Mitte befindet sich gerade Maheshji – ein Traum von einem Schuldirektor – mit dem Mikrophon in der Hand singend und wild tanzend. Der Trommler haut dazu ordentlich in die Felle, und holt alles an Lautstärker heraus, die Finger des Harmoniumspielerers tanzen mühelos und in rasender Geschwindigkeit über die Tastatur. Rundherum zwischen den Sitzreihen kreuz und quer eine wilde Bande – die Schüler unterschiedlichen Alters, von 6 – 20, und die 4 Didis (junge Lehrerinnen), außerdem Swamiji`s Familie, und zwei ältere indische Ladies...und meine Wenigkeit.

 

Insgesamt ca. 60 Personen.

 

Niemand kommt auf die Idee sorgenvoll das Strassengeschehen mitzuverfolgen und vielleicht zu kontrollieren, ob der Fahrer nach 10 Stunden Fahrt nicht doch schon am Einschlafen ist. Alle befinden sich in Hingabe an die Situation, in der einen oder anderen Form – entweder in unbequemer Haltung schlafend, oder wild feiernd.

 

….zur Zeit is alles ruhig. Es ist später Vormittag und die meisten schlafen. Die Köpfe entweder an den Sitznachbarn gelehnt oder in hängender oder im Nacken irgendwie abgeknickter Position. Bald gibt es eine Pause für`s Mittagessen (so denke ich zumindest), welches schnell und effizient mit mitgebrachten Kochutensilien im Schatten von Bäumen zubereitet wird. Die geeignete Stelle an der 60 Leute spontan lagern können, muß freilich auch erst mal gefunden werden.....

 

….es wurde beschlossen keine Pause zu machen und das Mittagessen kurzerhand ausfallen zu lassen (zu meinem Entsetzen), da die meisten nicht hungrig sind. Leider gehöre ich nicht zu dieser Mehrheit. Ich habe mir den Bauch beim Frühstück nicht mit weißem labbrigem Toastbrot, Butter und Marmelade vollgeschlagen, in Erwartung eines nahrhafteren Mittagessens, welches meiner Gesundheit zuträglicher wäre (ich befinde mich in einem langwierigen Genesungsprozess, der mit der Ernährung steigt und fällt).

 

Gut, langsam wird mein bequemer, alle Annehmlichkeiten gewöhnter, europäischer Geist wieder flexibler. Das empörte Entsetzen über die verschiedenen „unzumutbaren“ Zustände und Situationen in denen ich mich befinde wallt mit jedem Mal weniger auf.  Ich gehe nun nicht ins Detail, aber wer in Indien schon mal low-budget gereist ist, und bei 60 Reisenden ist das nicht anders leistbar, weiß wahrscheinlich was ich meine. Jedenfalls füge ich mich langsam wieder in das größere Ganze, denn der innere Widerstand ist völlig zwecklos. Und worum geht es in der Spiritualität, wenn nicht darum? Die engen Begrenzungen des eigenen Ego, mit seinen eingefahrenen Gewohnheiten, fixen Vorstellungen, Erwartungen, und Beurteilungen, aufzulösen... Unser Bewußtsein zu befreien von der Illusion, daß wir dieses Ego, dieser Körper, dieser Charakter wären... Den goldenen Käfig zu öffnen und den wunderschönen Vogel in all seiner Pracht fliegen zu lassen, sich wiederzuvereinigen mit dem Schwarm seiner Artgenossen, in Freiheit zu sein, einer von vielen, ein Teil des Ganzen, in Harmonie mit dem Ganzen. Mit Leichtigkeit und Grazie, in perfekter Synchronizität bewegt sich der Schwarm durch die Lüfte. Alles geschieht einfach und mühelos, wie von einer unsichtbaren Kraft gelenkt. So ein Vogel pfeifft darauf einen Namen und eine Identität zu haben, auf die Sicherheit des Überlebens im Schutz des Käfigs, auf das täglich vorgesetzte Futter. Seine wahre Natur ist die Unbegrenztheit

Möge mein Geist so wie dieser Vogel zur Türe meines Käfigs hinausfliegen und eins werden mit der unendlichen Weite, sich ganz der höheren Führung überlassen, sorglos und frei. Komme was wolle.

 

Wer schon einmal in die Augen eines Neugeborenen geblickt hat, der hat vielleicht die eigenwillige Erfahrung gemacht in die Leere zu schauen. Unendliche Weite, unendliches altes Wissen, vollkommene Präsenz, reines Bewußtsein, aber keine Persönlichkeit, kein Ego, keine Identifikation mit diesem kleinen Körper, keine Beurteilungen, keine Gedanken..... Noch nicht...

 

Aus vielen Erfahrungsberichten geht hervor, daß die Menschen bei der außergewöhnlichen Heiligen, Ma Anandamayi, eine ähnliche Erfahrung hatten. Sie trafen in Ihr kein Ego an, keine Persönlichkeit, keine Identifikation mit „diesem Körper“ (wie sie sich selbst bezeichnete). Dafür aber erfuhren sie eine unwiderstehliche Anziehung und Liebe, ein überwältigendes Gefühl der Vertrautheit, so als würden sie nach Hause kommen und in „Ma“ ihr eigenes wahres Wesen erkennen...

 

...doch nun zurück in die 4 Wände des Busses und die Grenzen meines Geistes. Es ist der 5. Tag und wir befinden uns auf dem Rückweg. Unser von allen heiß ersehnter Zwischenstop ist in Pachmarhi geplant, im weitläufigen Satpura Nationalpark. Als wir in das Waldgebiet einfahren weht plötzlich eine kühle, sauerstoffreiche Brise zum offenen Fenster herein, die Lungen machen spontan einen tiefen Atemzug, als würden sie aus einem Dornröschenschlaf erwachen. Was für eine Wohltat nach den vergangenen Tagen in staubiger dicker Luft und Hitze! Meinem Geistkäfig wird erstmal nicht mehr auf die Pelle gerückt durch widrige äußere Umstände. Es eröffnet sich uns eine weite Aussicht auf bewaldete Berge und Täler. Ursprünglich muß ganz Madhya Pradesh von diesem Urwald überzogen gewesen sein....

 

Ich stelle mich in die offene Türe auf das Trittbrett, lehne mich weit hinaus und genieße den Fahrtwind.... Dabei halte ich mich sehr gut fest um nicht bei einer schwundvollen Kurve in hohem Bogen auf der Strasse zu landen. Auch werde ich sorgenvoll beäugt und eindringlich gebeten mich gut festzuhalten. Einer der Burschen sitzt wie auf heißen Kohlen, bereit jederzeit aufzuspringen und mich zu schnappen... Und so setzte ich mich bald wieder sittsam auf meinen Platz.

 

...nach 7 Tagen gemeinsam durchlebter Abenteuer, Höhen und Tiefen, fühlen wir uns zusammengeschweißt und kehren siegreich zurück - es ist geschafft und wir haben uns das frohe Gemüt (meistens) beibehalten - das ist die größte Errungenschaft dieser Reise. Doch nun sind wir glücklich nach Ma Sharanam nach Hause zu kommen, ausgiebig zu duschen, die Kleidung zu waschen und gut zu Essen. Nach den Strapazen dieser Reise fühlt sich das sonst Alltägliche an wie das reinste Paradies.

 

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