Vom Tanz in die Stille

Die letzte Woche Odissi-Training in Pushkar ist zu Ende
gegangen. Eine neue Choreographie, das Stück “Vakratunda“ zu Ehren von Ganesha, dem glückverheißenden Beseitiger aller Hindernisse und Schwierigkeiten, wurde in Windeseile einstudiert.

Außerdem gab es eine abschließende Prüfung mit praktischem und theoretischem Teil, die ihren Zweck erfüllt hat indem sie uns sehr motiviert hat das Gelernte auch wirklich gut zu integrieren.

Sich alle 53 Hastha Mudras (Handgesten), einhändige und beidhändige, und alle 36 Padas (Fußpositionen) mit allen dazugehörigen Sanskrit - Namen zu merken ist doch eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.

Die historische Entwicklung des Tanzes von seinen Ursprüngen als Tempeltanz bis zum heutigen klassischen Bühnentanz ist ebenfalls ein essentieller Teil der Ausbildung zur Odissi Tänzerin.

Das Herzstück ist jedoch die philosophische Einbettung dieser Kunstform in die spirituelle Gaudia Vaishnav Tradition ( “Vaishnav“ abgeleitet von Gott “Vishnu“) der Verehrung des Göttlichen in der Form von Radha und Krishna, dem göttlichen Liebespaar, als Verkörperung universeller, bedingungsloser Liebe. Die Liebenden, das manifeste Weibliche und das manifeste Männliche, die sich in der irdischen Existenz unaufhörlich suchen, den Schmerz der Trennung erleben, das Sehnen, und die Erfüllung in der Wiedervereinigung miteinander. Symbol für den ewigen Tanz des Kosmos. Auf spiritueller Ebene jedoch sind sie untrennbar, wie Licht und Schatten. So wie die Seele niemals getrennt ist von ihrem Göttlichen Ursprung und sich doch nach ihrer Quelle sehnt, so sind auch Radha und Krishna eins.

Eine Tradition, die durch ihren Sinn für Schönheit, Verspieltheit, Romantik, Hingabe und Freude, viele Künste inspiriert hat - Poesie, Musik, Malerei und besonders den klassischen Tanz.

Unser Tanz hat in dieser letzten Woche nochmal an Tiefe gewonnen. Aus Kampf und Anstrengung wurde immer mehr Kraft und Grazie. Die harte Arbeit hat Früchte getragen und das Erleben mit Leichtigkeit und Hingabe zu tanzen und diese Erfahrung mit Anderen zu teilen ist unvergleichlich erfüllend.

Und zwischen Training und Prüfungsvorbereitung gab es glaub ich keine von uns, die nicht zwischendurch irgendwie auch noch Zeit zum “Shoppen“ untergebracht hat. Rajasthan ist ein Land ganz eigener, magischer Ästhetik, die in Form wunderschöner Stoffe, besonderem Silberschmuck, natürlicher Duftöle und anderer Kostbarkeiten Ausdruck findet.

Da konnte keine von uns lange widerstehen. Und so wurden einige schwere Pakete mit erstandenen Schätzen in den letzten Tagen zur Post getragen, um sich auch in der Heimat daran erfreuen zu können und um auch die zu Hause Gebliebenen daran teilhaben zu lassen.

Und dann hieß es auch schon wieder Abschied nehmen, von der reichen Ästhetik, der Musik, den bunten Saris, dem Schmuck, Pushkar`s heiligem See, dem Marmorboden des Tempels auf dem wir täglich tanzten, den liebgewonnenen Tanz – Gefährtinnen...

Zurück zu einer anderen Art der Schönheit... der Einfachheit und Ruhe des Ashrams.

Aller Schmuck wird abgestreift. Es geht wieder in die Tiefe, die Stille, wo Radha und Krishna immer eins sind, nie getrennt waren. Bevor der Tanz des Universums begann. Zurück zur Quelle aus der alle Manifestationen hervorsprudeln. In den Schoß der Mutter des Universums.
Hier kann die Seele wieder in ihrer eigenen Natur ruhen, sich besinnen und erinnern, daß das ganze berauschende Schauspiel welches sich täglich um uns ereignet, egal ob es uns entzückt oder entsetzt, einen einzigen Ursprung hat und zu diesem wieder zurückkehrt. Daß von all dem nichts bleibend ist, aus der Stille, der Leere aufsteigt und sich wieder drin auflöst.
Was bleibend ist ist alleine der Erfahrende, der Zeuge all dessen, das Bewußtsein welches auf seiner Reise in der Ewigkeit schlußendlich sich selbst als einzige Wirklichkeit erkennt.

JAI MAA!

 


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