Dhyan/Meditation

Ich sitze auf einer der breiten Fensterbänke des runden Siva-Tempels, die Flußebene überblickend. Die Beine ausgestreckt um den Knien vom stundenlangen Sitzen am Boden mit gekreuzten Beinen Erholung zu gönnen. Es ist kurz nach 13 Uhr, wir haben gerade das Mittagessen zu uns genommen. In Stille, nach gemeinsamem Gebet. Reis, Dhal, Kartoffel-Karfiol-Subji, Chapati, Joghurt. Der Körper fühlt sich genährt und leicht. Der Blick streift über die Ebene des heiligen Flusses, Narmada. Sanfte, begraste Hügel, niedrige Bäume und Sträucher, sumpfige Stellen mit hohen, festen Gräsern, das entfernte aber kraftvolle Rauschen des Flußes. Die Narmada hat gerade wenig Wasser, sodaß Teile des felsigen grauen Flußbetts sichtbar sind. Dazwischen strömt friedlich und beständig die blau-leuchtende Flüssigkeit...Wasser, aber kein gewöhnliches... Es trägt die Energie der Ehrerbietung der Pilger unzähliger Generationen.

Es weht eine sanfte, warme Brise, Vögel zwitschern, ein Hahn kräht in der Ferne. Die Schulbuben spielen ausgelassen auf dem trockenen, staubigen Feld hinter der Schule. Ihr Lachen und ihr Geschrei dringt zu mir herüber. Ich bemerke in der Ferne den dünnen, alten, von den Elementen gegärbten Mann mit dem strahlenden Lächeln und dem weißen Turban. Er hackt in der Mittagssonne Holz und das dumpfe Schlagen der Axt wird vom Wind zu mir getragen. Er ist übrigens ein begnadeter Sänger. Wenn mich die Narmada ruft und mich der Weg hinunter zu ihr über die hügeligen Wiesen führt, dann treffe ich ihn meist und habe ihn singen gehört – Geschichten aus den heiligen Schriften. Er scheint jeden Tag dort alleine auf den Wiesen der Flußebene zu verbringen und in dem simplen Verschlag auf dem Hügel zu leben.

Aus dem Dorf klingen ebenfalls Kinderstimmen herüber und der Klang von einer großen landwirtschaftlichen Maschine. Dies muß ein Luxus sein, denn die meisten Felder werden mit Ochsenkarren bepflügt. Eine Biene flitzt summend durch mein Gehörfeld. Der Wind erzeugt einen hauchenden Klang in der Ohrmuschel. Durch das Lauschen eröffnet sich ein Raum....die Wahrnehmung der Weite...im Äußeren, wie im Inneren.

Ich versuche zu erforschen was das eigentlich ist, Klang? Informationen, verpackt in entsprechenden Vibrationen, die durch den Raum reisen, mannigfaltige Schwingungsmuster. Energie – Shakti – in Bewegung. Und ihr zugrunde liegend das große Feld der Stille aus der sich die Klänge erheben und wieder hinein sinken – Siva – reines, unbewegtes Bewußtsein.

Mein Blick fällt auf den massiven, erhabenen Sivalingam in der Mitte des Tempels, der einlädt genauso still und stabil zu werden wie er. So still, daß man aufhört selbst Schwingungen zu erzeugen...keine Klänge, keine Bewegungen, keine Gedanken...reine Gegenwärtigkeit. Stillstand. Leere, die alles enthält was es zu erreichen, zu wollen, zu erfahren gibt.

Und so passiert es, daß sich der Körper wieder in den Meditationssitz begibt und mein Bewußtsein durch den hauchdünnen Spalt zwischen Vergangenheit und Zukunft schlüpft. Die Stimmen und und Klänge der Welt hinter sich lassend und auftauchend in der Zeitlosigkeit, ruhend im Ozean der Stille und des Friedens...

 

Om Namah Sivaya! Om Narmada Devyai Namah! Om shanti shanti shanti

 

 

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